Blick in eine totalitäre digitale Zukunft – Gedanken zum Roman The Circle

Die Story von Mae Holland’s Erlebnissen während ihres beruflichen Ein- und Aufstiegs beim führenden Internetkonzern der Zukunft – The Circle – ist als Puzzleteil zur digitalen und netzpolitischen Meinungsbildung durchaus empfehlenswert. Vor allem in puncto Datenschutz, digitale Transparenz und Privatsphäre; außerdem mit Blick auf den Zwiespalt, der aus der Versuchung der Nutzung technologischer Möglichkeiten einerseits und moralischen Bedenken andererseits im Internet von morgen noch viel stärker droht als heute.

Einige Facetten seines Romans hat Dave Eggers für mich zwar eindeutig zu plump in die Zukunft weitergedacht. Ich glaube zum Beispiel nicht an eine so eindeutig mehrheitsfähige und sprunghafte Bereitschaft grosser Massen, sich in einem sozialen Netzwerk ohne moralische und rechtliche Gewissensbisse spontanen digitalen Hetzjagden auf vermisste Personen oder Kriminelle anzuschließen. Hier traue ich der menschlichen Toleranz von Gerechtigkeit, Menschenwürde und Verhältnismäßigkeit doch noch einiges mehr zu. Auch Mae Holland’s Antrieb und ihr Gutglaube an die positive Wirkung der allmächtigen Präsenz sozialer Medien von morgen liest sich für mich zu naiv und unglaubwürdig.

Sehr bizarr und sinnbildlich für die von Eggers im Roman dargestellte Geisteshaltung finde ich das Interview, in dem Mae von Mitarbeitern der Personalabteilung des Circle zur Rede gestellt und vorwurfsvoll gefragt wird, warum sie diverse private Erlebnisse nicht großzügig und ausgiebig im sozialen Netzwerk geteilt habe. Ihr Verhalten wird als „antisozial“ und fast sträflich abgestempelt.

Aber mal ehrlich, verspürt nicht jeder von uns von Zeit zu Zeit den Drang nach Privatsphäre und Exklusivität von Erlebnissen in sich?

Auf die Spitze treibt es wohl die Allgegenwärtigkeit von Kameras im Alltag der Zukunft. Zum Beispiel die Kameraüberwachung von Maes Eltern in den eigenen vier Wänden: sie ist die Bedingung dafür, dass The Circle die Behandlungskosten für die MS-Erkrankung von Maes Vater trägt. Die Kameras erlauben es allen Mitgliedern des sozialen Netzwerks Einblick zu nehmen in das Leben der Eltern. Nicht minder erschreckend sind die Umhängekameras, die The Circle Politikern und auch Mae verpasst, um Transparenz und Demokratie ganz neu zu definieren.

Auf den ersten Blick faszinierend und verlockend wirken auch die Wahlbeteiligungen und die Entbürokratisierung von möglichen Wahlen der Zukunft in einem sozialen Netzwerk. Aber wer entscheidet über die Fragestellungen? Wer ist Herr und Kontrolleur der Technik, die über Zu- und Ausgang entscheiden?

Alles in allem wirken viele Dialoge, Meinungsmuster und Urteile im Roman aus heutiger Sicht noch weltfremd. Jedoch zeigen sie – und darin liegt das Positive – wie wichtig es ist, heute Einfluss zu nehmen auf die freiheitliche Gestaltung des Internet von morgen.

 

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