Digitale Transformation: 10 Tipps für „Anfänger“

Angeblich steht es nicht gut um die Zukunft der deutschen Wirtschaft: Die digitale Transformation droht zu scheitern. Jedenfalls stolperte ich neulich bei t3n über die Ergebnisse einer etventure-/GfK-Studie, welche die Online-Zukunft schwarz malt. In 65% von über 2.000 befragten Unternehmen verhindern veraltete Strukturen die Digitalisierung.

Wie geht eigentlich digitale Transformation? Wie führt man ein Unternehmen erfolgreich in neue digitale Geschäftsfelder? Diese Frage mögen sich viele Führungskräfte stellen, die als digital immigrants daherkommen und beispielsweise Kommunikation via Snapchat, Instagram und Co. nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben. Zwischen dem Anspruch, das eigene Business ins Digitale zu transformieren und der Wirklichkeit besteht noch riesige Diskrepanz. Das zeigen jedenfalls meine Erfahrungen im Beratungsalltag. Vielfach ist noch nicht einmal der Anspruch entstanden.

Digitales Erfolgsgespür braucht Online-Erfahrung

Mal abgesehen von einem intensiven Dialog, den ein Unternehmen zwangsläufig intern führen muss, um sich selbst über alle Führungs- und Mitarbeiter-Ebenen durch und durch digital zu machen, sollte jeder leitende Mitarbeiter wichtige Eigenheiten digitaler Transformation selbst erfahren haben. Voraussetzung für eine strategische Diskussion ist ein digitales Grundgerüst im Mindset der Führungskraft. Ein Manager, der nie versucht hat, digitale Verhaltensmuster bei sich selbst anzuwenden, dürfte es schwer haben, strategische Erfolgschancen im digitalen Umfeld zu antizipieren.

Dieser Beitrag liefert „hands on“ Denkanstöße, um das zu ändern und den Respekt vor dem Internet abzubauen.

1. Social Media: Ausprobieren und Mitmachen

Wenn man sich nicht selber regelmäßig in den sozialen Medien bewegt, kann man ihre Schnelllebigkeit und das Potential der vernetzten offenen Kommunikation nur schwer nachvollziehen. Der Weg ist hier das Ziel. Jeder Strategie-Verantwortliche sollte heute – egal in welcher Branche – eigene Profile in den gängigen sozialen Medien nutzen, um Chancen und Risiken für das eigene Geschäftsmodell zu erahnen.

Prominentes jüngeres Beispiel: Karl-Thomas Neumann von Opel. Er ist sehr aktiv bei Twitter und darf seit Kurzem auch bei den LinkedIn-Influencern mitspielen. Ein ganz anderes authentischeres Beispiel: Werner Deck, alias @malerdeck, der bei Twitter auf fast 23.000 Follower verweisen kann.

2. Dem digitalen Narzissmus nachgeben

Sich öfter mal selbst online zu inszenieren lautet die Devise. Wer eigene Beiträge in den sozialen Netzwerken veröffentlicht und dafür Likes, Shares, Kommentare, Herzchen, Retweets und so weiter erntet, lernt die positiven Gefühle kennen, die diese Art von Zuspruch auslösen. Man fühlt sich bestätigt. Die positive Resonanz auf die eigenen Beiträge zahlt positiv auf das eigene soziale Kapital ein. Erkennt und verinnerlicht man diese Grundregel, spürt man was erfolgreiche Online-Geschäftsmodellen ausmacht: die Zielgruppe mitmachen und teilhaben lassen.

Hier kann man sich auch positiv zunutze machen, dass Menschen online „freizügiger“ sind. So schrieb Peter Glaser neulich in der Süddeutschen, dass Menschen während eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht nur 30% private Informationen preisgeben, online dagegen 80%!

3. Die Online-Wettbewerber kennenlernen: wer rankt in Google besser als Ihr Unternehmen?

Benchmarking ist gefragt. Online erfolgreich zu sein, heißt vor allem in der Verkaufsphase, den Kunden zunächst auf das eigenen Angebot aufmerksam zu machen. Noch unentschlossene Kunden ohne klare Anbieterpräferenz beginnen ihre Suche in den meisten Fällen bei Google. Alter Hut, könnte man denken. Für „dienstältere“ Entscheider aber immer noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Was also tun? Man nehme sein wichtigstes Produkt und suche ganz einfach mal in einer populären Suchmaschine nach dem dazu passenden relevanten Gattungsbegriff (Nicht nach dem eigenen Markennamen! Auch dies ist meiner Erfahrung nach ein überraschend häufig auftretendes „Scheuklappen“-Phänomen in Unternehmen: die latente Überzeugung, dass die halbe Welt die eigene Marke doch kennen müsse). Und zwar den, der das höchste Suchvolumen hat. Unsicher welcher das ist? Google hilft.

4. Online einkaufen

Man sollte selbst erfahren haben worauf es beim Online-Einkauf ankommt, bevor man verkaufen will. Erahnt man nicht ansatzweise warum schlanke Checkout-Prozesse, vertrauensbildende Seiten-Inhalte, intuitive Usability oder einzigartige Inhalte für den Erfolg so wichtig sind, wird man es selbst schwer haben, diese Faktoren erfolgreich einzusetzen.

5. Digitales Coaching: von den Digital Natives lernen

Lassen Sie sich vom Nachwuchs auf die digitalen Sprünge helfen! Junge Mitarbeiter erklären älteren Führungskräften die Online-Welt und digitale Selbstverständlichkeiten. In einigen Konzernen wird diese Form des Coachings als „reverse mentoring“ bereits erfolgreich eingesetzt. Auf der dmexco 2015 teilte zum Beispiel die Nestlé Deutschland-Chefin Béatrice Guillaume-Grabisch ihre Erfahrungen dazu. Hier nachzulesen bei Horizont.

6. Eine digitale Trendstunde ins Leben rufen oder Experten und Pioniere zum Gedankenaustausch einladen

Schwarmintelligenz rules. Von den Kollegen lernen. Sich gegenseitig befruchten. Regelmäßiger ungezwungener, aber geplanter Gedankenaustausch zu digitalen Themen erweitert den Horizont. So selbstverständlich und doch so oft vernachlässigt. In Gang bringen kann man das digitale Kaffekränzchen bei Bedarf auch mit kleinen Impuls- oder Standup-Vorträgen zu einem vorher angekündigten Thema. Auch Gastredner aus dem eigenen Netzwerk, von Lieferanten- oder Kundenseite können interessanten Input liefern.

7. Ein Team von Treibern und Online-Fürsprechern gründen

Anders ausgedrückt: Willige Mitarbeiter vor den digitalen Karren spannen. Es gibt sie in jedem Unternehmen. Digitale Vordenker, deren Potential vielleicht noch nicht gesehen wird, die aber in ihren Fachbereichen neue Denk- und Arbeitsweisen pflegen und damit Treiber digitaler Transformation sind. Sie tragen die Voraussetzungen in sich, Geschäftsmodelle, Geschäftsprozesse und Erfolgsmuster erfolgreich weiterzuentwickeln und zu hinterfragen. Nestlé beispielsweise hat eine solche Einheit unter dem Titel „Digital Acceleration Team ins Leben gerufen.

8. Informiert bleiben: den Denkern der digitalen Transformation folgen

Das Wissen liegt auf der Straße bzw. in den sozialen Medien. Nie war es leichter, gedanklich am Puls der Zeit zu bleiben. Blogs, Communities, Foren, Newsletter, Podcasts, Gruppen und mehr. Aber auch gleichzeitig so schwer: das Überangebot führt zum Information overload. „Content Curation“ schafft Abhilfe: Eine Auswahl meiner täglichen Business-Lektüre habe ich bei Feedly zusammengestellt.

9. Führung neu definieren

Drei Bücher empfehle ich unter diesem Aspekt, die ich in letzter Zeit begeistert gelesen habe:

Buhse schafft mit seinem VOPA-Ansatz (V = Vernetzung, O = Offenheit, P = Partizipation, A = Agilität) ein leicht einprägsames Erfolgsrezept für digitaltaugliches Business. Mustread! In Rework verraten die Gründer von 37signals bzw. der Projektmanagement-Lösung basecamp extrem pragmatische Geschäftspraktiken, die jeder kennt, aber wahrscheinlich nur selten so konsequent erfolgreich anwendet. „Das Prinzip Selbstverantwortung“ ist nicht direkt dem Umfeld der digitalen Transformation zuzuordnen, aber ich halte die von Sprenger vertretene Kernform der Führung für die richtige im schnelllebigen Online-Zeitalter: selbstverantwortliches Handeln.

10. Gedankenspiele spielen: mit welcher Art von Online Services und Produkten könnte ich mein Geschäftsfeld ergänzen und erweitern?

Leichter gesagt als getan. Innovatives Denken ist gefragt. Regeln brechen. A propos: Regelbrecher sind mir seit einem Vortrag von Sven Gábor Jánszky auf der dmexco 2014 besonders sympathisch. „Rulebreaker“ und den 2b Ahead Think Tank empfehle ich als weitere Inspirationsquellen, um den eigenen Hirnschmalz fit zu machen für die digitale Transformation.

Einfacher und zeitloser formuliert könnte man aber auch sagen, dass die banale Erfolgsformel gestern, heute wie morgen immer noch stetige Innovation lautet. Schneller als der Wettbewerb Trends erkennen und das tun, was die Nachfrage stimuliert. Vorausschauendes Unternehmensmanagement eben. Einer meiner Professoren an der FH Hannover pflegte zu sagen: „Die Königsdisziplin der BWL“.

Diese 10 Tipps können keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Über Eure und Ihre Anregungen zur Ergänzung freue ich mich sehr.

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